Halbwissen-SEO

Dass es in unserer Zunft leider immer wieder selbsternannte Experten gibt, die mal ein paar PDFs und 50 Einträge im SEOmoz-Blog gelesen haben und mit diesem Halbwissen ausgestattet meinen, Unternehmen kompetent beraten zu können, wissen und missbilligen wir ja alle. Ich denke, jeder hatte auch schon Kunden mit entsprechender Vorbelastung. Es gibt aber eine noch viel schlimmere Art von Halbwissen-SEO, die sogar bei echten Experten auftritt!

Was ich meine sind die vielen Randgespräche, die wohl jeder von uns auf diversen Veranstaltungen, in der Kneipe, im Zug, beim Essen, beim Friseur, im Supermarkt oder auf dem Lokus führt.

Wer kennt das nicht? Wir sind in einer kleinen oder auch größeren Runde und auf einmal fragt uns jemand nach Rat. In einer Situation, wo wir weder die Tools, noch die Zeit geschweige denn die Lust haben, uns die Situation im Detail anzusehen und fundiert einen individuellen Rat zu geben. Also erzählen wir was über Grundregeln guten Rankings, Best Practices für Standardsituationen und geben vielleicht sogar noch den einen oder anderen Tipp aus unserer Praxis-Erfahrung mit. Der Gesprächspartner ist glücklich, rennt zu seinem Computer und macht was auch immer wir ihm vorgeschlagen haben. Weil der Experte hat ja gesagt, dass…

Jedoch – es kommt ganz anders als erwartet und die Ergebnisse stellen sich nicht ein. Oder es wird sogar noch schlechter. Der Gesprächspartner ist deswegen sauer, wird vielleicht sogar noch von seinem Boss zusammengefaltet, denkt sich also “so ein SEO-Idiot” – und fragt wohl bei nächster Gelegenheit den nächsten SEO. Der ihm wieder was von Grundregeln, Best Practices und seinen Erfahrungswerten erzählt. Und wieder läuft jemand glücklich zu seinem Computer, macht was auch immer er an Informationen mitgenommen hat – ad infinitum!

Sicher, das ist vielleicht ein wenig überspitzt. Aber mal ganz ehrlich: wer von uns war nicht schon in so einer Situation, dass er um spontanen Rat gefragt wurde? Und noch viel ehrlicher: wem von uns ist nicht schon passiert, dass aus genau solchen Plaudereien “Optimierungen” entstanden sind, die sowas von überhaupt nicht funktionierten?

Vor kurzem hatte ich erst mit genau so einem Fall zu tun. Ein Programmierer hatte eine wunderbar schnell und vor allem echt mega-cool zu bedienende Website – die aber, um das erreichen zu können, vollständig mit AJAX funktionierte. Dass das nicht für SEO taugt, war ihm schon durchaus bewusst. Also hatte er bei Gelegenheit einen SEO gefragt, was er denn tun sollte. Dieser überschüttete ihn dann mit einer minutenlange Rede über Hashbangs und noscript-Bereiche, über Wurbels und Zwischels sowie Dongdongs und Knabbelspatzen. In der Tat erzählte er noch deutlich mehr, aber nur die beiden ersten Schlagworte blieben beim Programmierer hängen. Zurück am Computer googelte er also noch ein wenig und setzte anschließend den Tipp um.

Als ich dann den Hilferuf des Geschäftsführers erhielt, dass seine Website ja immer noch keinen einzigen SEO-Besucher zu verzeichnen hatte, obwohl sie doch schon ein Jahr alt ist, zumindest ansatzweise Linkaufbau betrieben wurde (also 5 Webkatalogeinträge *hüstel*) und der Programmierer sich ja mit SEO beschäftigte, fand ich folgendes vor:

Eine Startseite ohne Text und nur mit einem großen, leeren DIV-Container, der per AJAX befüllt wurde. Allerdings ohne für Suchmaschinen erkennbare Request-URL dahinter (die Hashbang-URL wurde zwar für den Request verwendet, aber durch einen Concat war sie nicht im Klartext und vollständig für Crawler zu sehen). Darüber war ein Formular für die Auswahl der Unterkategorien (also quasi die Haupt-Navi) – mit hrefs, die allesamt auf 404-Fehlerseiten zeigten. Ein onClick war dort auch nicht drin, sondern ein zentraler Listener verarbeitete alle Klicks auf der Seite. Aber es gab wenigstens einen noscript-Bereich. Der aber nur aus einer riesenlangen Liste von Links zu den rund 300 Produktseiten bestand. Ohne sonstigen Text drumrum und ohne Links auf die Kategorieseiten. Über die XML-Sitemap wurden zwar valide und aufrufbare Kategorieseiten-URLs übermittelt, aber die bestanden wiederum aus genau dem gleichen Inhalt wie die Startseite. Und weil die Produktseiten selbst auch nur aus recht wenig Inhalt bestanden und das Design-Gimmick sowieso vorsah, dass diese nur in einem kleinen Overlay hochpoppen anstatt eine eigene Seite zu laden, bestand deren aufrufbare “SEO-URL” ebenfalls nur aus der ellenlangen noscript-Liste sowie vielleicht 20-50 Worte individuellem Text.

Warum in aller Welt rankt dieses Ding nicht? Der Programmierer hatte doch gemacht, was ihm der SEO gesagt hatte?

Aber genau das war ja das Problem. Der Rat war von vorne herein zum scheitern verurteilt. Denn der SEO hatte überhaupt keine Chance, einen Blick auf die Website zu werfen, bevor einen Rat gab. Er musste dabei Vokabular verwenden, das sein Gegenüber noch nie gehört hatte. Und er hatte vor allem überhaupt keine Gelegenheit, den Programmierer bei der Umsetzung zu begleiten, so dass dessen eigene Interpretation des Gehörten und Gelesenen einfach in die Hose gehen musste.

Wer trägt nun in so einer Situation die “Schuld”? Der Programmierer, weil er sich mit sehr geringem Halbwissen eine eigene Interpretation zusammengebaut und umgesetzt hat? Oder der SEO, der einfach nur hilfsbereit war, aber halt keine Ahnung von der Website haben und den Programmierer vor allem bei der Umsetzung nicht unterstützen konnte?

7 Kommentare zu “Halbwissen-SEO”
Christoph 11. September 2011 um 18:23

Ich denke solche Situationen bzw. Geschichten kennen wir alle nur zu gut. Allerdings spielt da meiner Meinung nach der Stellenwert von SEO innerhalb des Unternehmens eine entscheidende Rolle. Unternehmen, die verstanden haben, dass SEO ein wichtiger Kanal sein kann und deshalb entsprechendes Budget dafür bereits stellen, sollten dieses Problem nicht haben. Dort sieht die Geschichte nämlich eher so aus: der Angestellte unterhält sich mit einem SEO und versucht dabei dessen Kompetenz einzuschätzen. Falls ihm das nicht möglich ist, weil er selbst keine oder nur sehr wenig Ahnung hat, informiert er sich im Netz und stellt fest, dass der SEO, mit welchem er sich unterhalten hat in der SEO Szene bekannt ist und entsprechendes Ansehen hat. Außerdem scheint dieser regelmäßig Konferenzen zu besuchen, bzw. sogar auf solchen als Speaker eingeladen zu sein… Jetzt musst der Angestellte nur noch seinen Chef dazu bringen, diesen SEO für eine SiteClinic, eine SEO Analyse oder einen Workshop zu beauftragen und schon sieht das schon wieder ganz anders aus. Das kostet natürlich Geld. Bringt aber auch etwas. Alles andere macht einfach auch keinen Sinn. Vielleicht ein blöder Vergleich, aber wenn mein Auto kaputt ist, dann kann ich mich auch nicht auf einer Party mit einem KFZ-Mechaniker unterhalten und dessen Vermutungen einfach mal umsetzen. Nur weil es bei Auto B an der Lichtmaschine lag, muss das bei meinem Auto ja nicht auch an der Lichtmaschine liegen. Obwohl evtl. die gleichen Probleme darauf hindeuten könnten… Klar, muss man immer die jeweilige Situation berücksichtigen, aber generell würde ich sagen: wer mit SEO Erfolge verzeichnen möchte, der muss halt auch einfach Budget dafür zur Verfügung stellen und sich die richtigen Leute ins Boot holen. Oder seht ihr das anders?

seodiot 16. September 2011 um 12:18

Sehe ich absolut genauso. Mal eben jemand Unbedarften zu einer Konferenz schicken und danach zu erwarten, er könne SEO – fatal.
Umgekehrt wollte ich aber auch unter uns SEOs ein wenig Bewußtsein dafür wecken, dass wir genau solche Situationen fördern, wenn wir freudig drauflos plappern, sobald uns jemand fragt…

odimuc 20. September 2011 um 18:48

Sehr schöner Artikel, allerdings sollte man als SEO Profi trotzdem nicht per se alle Halbwisser
verurteilen und in Arroganz verfallen, dass sowieso und ganz natürlich nur eine tolle Agentur, ein Riesen Budget und die besten, bekanntesten Leute, solides SEO produzieren können.
Meiner Meinung nach kann auch ein engangierter, vernünftiger, 10+ oder 12+ /d arbeitender Halbwisser gute SEO Arbeit leisten.
Denn irgendwo müssen auch die Profis von morgen und Übermorgen herkommen ;-)

seodiot 25. September 2011 um 20:09

Das war auch nicht meine Absicht. Und das Halbwissen bezog sich ja auch nicht auf das fachliche Können, sondern um die Tatsache, dass für SEO-Ratschläge das Big Picture der Website vorhanden sein sollte. Was eben oft nicht der Fall ist, so dass der punktuelle Rat eher kontraproduktiv ist. Und das ist unabhängig davon, ob dieser Rat von einem Profi oder von einem Halbwisser kommt und ob da Budget mit verbunden ist oder nicht. Einfach keine Schnellschüsse machen

Warner 18. Januar 2012 um 11:12

Es ist doch so, wie der Name schon sagt: Ein Halb-Wissen führt auch zu einem Ergebnis, aber eben nur zum halben Erfolg. Da dies i.d.R. nicht ausreicht, ist ein Voll-Profi gefragt. Das kann ein Freelancer oder eben eine SEO Agentur sein. Wir in Köln haben da einen Spruch: Wat nix koss, dat ist och nix (Was nichts kostet, ist nichts wert). Also bitte Budget in die Hand nehmen …

seodiot 20. Januar 2012 um 00:23

…bei uns in Bayern heißt der Spruch genauso. Natürlich mit anderem Dialekt. Und er ist wohl genauso wahr wie in Köln.
Was auch echt gut die Quintessenz trifft, die ich ausdrücken wollte. Mal eben einen schnellen, kostenlosen Rat von jemandem einholen führt zu genau solchen zwangsweise oberflächlichen Betrachtungen und möglicherweise Fehlentscheidungen oder Fehlinterpretationen. Weil wenn man fundierte Antwort geben will, muss man sich einarbeiten. Was Zeit kostet. Und deswegen meist nicht mehr umsonst sein kann.

Ralf 17. Oktober 2012 um 15:15

Ich glaube, das Problem kennen viele Online-Marketer. Ich habe Ähnliches auch öfter erlebt, am meisten aber, dass man Leute kennen lernt, die im Internet ein Business begonnen haben, ohne sich auf irgendeine Weise zu informieren. Man erklärt Ihnen: Pass auf, bei den und den Sachen muss Du unbedingt aufpassen und das und das machen, sonst wird das nie was. Bestes Beispiel Startseite ohne Texte, wie auch von Dir erwähnt. Ein halbes Jahr später ist nichts passiert, weil der Gegenüber generell unterstellt, dass man entweder übertreibt oder etwas künstlich hervorhebt, um an einen Auftrag heran zu kommen, oder weil er nicht wahrnehmen will, dass er einen Fehler gemacht hat. Tatsache ist natürlich, dass er selber der Verlierer und faktisch viel Geld und Zeit verloren hat.

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