Wenn Programmierer Marketing machen…

Hattet Ihr nicht auch schon solche Fälle: man kommt auf eine Website, sieht sich die berühmten 3 Sekunden lang für den ersten Eindruck um – und hat immer noch überhaupt keine Ahnung, worum es hier überhaupt geht…?

Gerade habe ich wieder so einen Fall vorliegen. Beziehungsweise einen Fall, bei dem sich dieser erste Eindruck als sowas von falsch herausstellte, was aber aufs Gleiche hinausläuft: ein Interessent, der sich per Email meldete und gerade angesichts der sich langsam anspannenden Wirtschaftslage überlegt, sein Geschäft zu stabilisieren oder sogar aufzubessern. Und weil SEO doch im Vergleich zu anderen Maßnahmen so kostengünstig ist und so einen wunderbaren ROI zeigt, will er eben wissen, was ich bzw. wir denn so alles für ihn tun können.

Und mein erster Eindruck der Startpage war auch durchaus – “aha!”. Da wird in großen Lettern von Training, Development und Consulting gesprochen. Und man sieht einen Mann im Anzug, wie er freudig die Arme ausstreckt, so als hätte er gerade einen großen geschäftlichen Erfolg errungen. Dazu eine kleine News-Meldung, dass diese Firma demnächst auf einer mir unbekannten Messe in Asien ausstellt sowie Links zu den Oberpunkten “Training”, “Consulting” sowie einem Produktnamen. Eine Consulting-Firma also. Die dank des Bildes ja so einiges verspricht. Naja, mal sehen, was die denn so genau consulten…

Aber meine Neugier führte mich dann doch zuerst zu dem Produkt. Aus der Email wusste ich ja schon, dass es ihm eigentlich hauptsächlich um seine Software geht. Weswegen ich auch etwas überrascht war, dass eine Beratungsfirma…? Aber gut, auch Roland Berger hat schließlich glaub ich mal Software vertickt. Tools, die in seinem Unternehmen entstanden und ihm bei der täglichen Arbeit nützten. Also warum nicht auch hier…?

Die große Überraschung kam dann aber beim Lesen der Produktbeschreibung: auf einmal steht da im Einleitungssatz, dass das eine Middleware ist?! Ein Programmierer-Tool also, um damit schnell und einfach seine Business-Software zusammenzubasteln, also zumindest was den Teil der Datenbank-Abstraktion angeht. Ja sapperlott – das ist ja was gänzlich anderes als ich zuerst dachte!

Also noch schnell zum zweiten Produkt. Das ja wohl auch irgendwie damit zu tun haben wird. Und tatsächlich, im ersten Satz der Produktbeschreibung heißt es noch, dass das ein Set von über 30 VCL-Komponenten für den sofortigen Einsatz in Delphi und C++Builder ist. Dann aber schon wieder eine Überraschung: im darauffolgenden Satz wird einem erklärt, dass man mit diesen Komponenten ganz einfach seine eigene 3D-Applikation basteln kann! Ein Set von Rendering-Engines und dazugehörigen Tools also, um alle möglichen Formate darzustellen, zu konvertieren und zu exportieren. Also was jetzt…?

Deswegen ab zu den Seiten übers Training. Wo es sehr allgemein gehalten heißt, dass das Vorankommen eines Unternehmens ja von den Beiträgen der dort Arbeitenden abhängt, die aber wiederum mit ständig neuen Herausforderungen bezüglich neuer Technologien zusammenhängen. Weswegen es eben wichtig sei, seine Mitarbeiter durch regelmässige Trainings fit zu halten. Aha. Auf diese Erkenntnis wäre ich alleine jetzt echt nicht gekommen. Da steht kein Wort dabei, was denn Inhalt der Trainings ist, also was die einem überhaupt beibringen können. Nicht mal ansatzweise. Und auch kein Link auf Beispielseminare oder weitere Informationen oder sonstiges. Aber immerhin ein großes Bild mit dem Aufruf, bei Interesse an weiteren Informationen eine Email zu schreiben oder anzurufen. Sehr motivierend, das Ganze. Wenn ich nicht vorher die Produktseiten angesehen hätte, wäre ich nach dem Lesen dieser Seite immer noch der Überzeugung gewesen, hier ginge es um allgemeines Business Consulting. Schließlich ist genau das die Assoziation des Anzug-Mannes zusammen mit den drei Schlagworten auf der Startseite gewesen.

Genau das gleiche Trauerspiel dann bei der Seite über das Consulting. Auch hier: allgemeines “Blabla”, wie toll und wichtig doch gute Beratung ist und dass hier vom ersten bis zum letzten Projektschritt jemand Kompetentes zur Seite steht – aber wieder kein Wort darüber, worum es denn konkret geht, also zum Beispiel welche Wissensgebiete dieses Unternehmen hat, so dass ich mir selber zusammenreimen kann, ob die für mein Projekt hilfreich sein könnten oder nicht. Also auch hier: hätte ich mir vorher nicht die Produkte angesehen…?

Alles in allem: ich bin nachhaltig verunsichert. Zeigt es doch mal wieder wunderbar, was man im Marketing bzw. im weitesten Sinne eben auch im Verkauf so alles falsch machen kann. Noch habe ich keinen direkten Kontakt zu diesem Hersteller, weshalb ich nur vermuten kann, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass hier einer der Programmierer das “Marketing” übernommen hat. Es mögen ja technisch vielleicht wirklich supertolle Software-Juwelen sein. Und ich glaube es ja sogar, wenn ich mir die Referenzliste so ansehe, wer diese Komponenten und Middleware so alles einsetzt. Aber kann man seine Produkte und Dienstleistungen eigentlich noch erfolgreicher verschleiern und Besucher verwirren?

Sicher. Man kann immer. Die nächstmögliche Steigerung wäre vielleicht noch eine Website in der Art:

Bitte verlassen Sie diese Website sofort wieder. Wir wollen Ihnen nicht erklären, was wir anbieten. Entweder Sie kennen uns bereits, dann reicht Ihnen dieser “Jetzt kaufen”-Button oder wir haben kein Interesse an Geschäft mit Ihnen. Diese Website enthält daher keine für Sie nützlichen Informationen. Wir möchten Sie nur verwirren, damit Sie gar nicht auf die Idee kommen, etwas bei uns zu kaufen. Sie können also eigentlich gleich wieder dahin zurückgehen, wo Sie hergekommen sind. Nutzen Sie dazu einfach den Zurück-Button Ihres Browsers. Wir haben nur auf eine automatische JavaScript-Zurückleitung verzichtet, weil wir dennoch ein paar Sekunden Ihrer Zeit stehlen und Ihnen kurz verständlich machen wollten, dass wir kein Interesse an Ihnen haben.

Auf Nicht-Mehr-Wiedersehen.

So kommt eine derartige Website wie die Beschriebene doch etwas überspitzt gesagt rüber, oder?

Das Beste finde ich allerdings die Überlegung, dass das Geschäft wohl durch SEO-Maßnahmen angekurbelt werden kann. Denn es braucht ja nur Platzierungen, dann rollt der Rubel schon von ganz alleine.

Naja, ich finde mich langsam damit ab, dass ich als Suchmaschinenoptimierer mehr und mehr auch Themen des Marketings beherrschen und anwenden muss, einfach weil Platzierungen alleine echt nicht das A und O sind und nicht jede Unternehmung überhaupt so etwas wie einen Marketing-Fachmann hat, so dass alles beim doch eher technisch ausgebildeten Webmaster hängenbleibt. Ich freu mich nur schon wieder auf den Workshop mit diesem Evtl-Bald-Kunden, wenn ich ihm das verklickern muss…

Deswegen ist das jetzt auch unter “SEO-Basics” einsortiert. Denn merke, dass SEO kein Marketing ersetzt. Also beherze das besonders dann, wenn Du tatsächlich nicht über eine entsprechend fundierte Ausbildung im Bereich Marketing/PR verfügst und einfach “mal denkst”, dass das doch so passen müsste.

Ein guter Tipp ist daher: gehe nicht von Deinem Wissensstand aus sondern versuche, als absolut unbedarfter Besucher zu denken, der noch nie von Dir und Deiner Unternehmung gehört hat. Bitte doch zum Beispiel einfach mal ein paar Bekannte (oder warum nicht gegen ein kleines Bakschisch auch einfach ein paar Wildfremde?), die idealerweise noch nicht wissen, was Du genau tust, sich Deine Website anzusehen und frage sie anschließend nach ihrem Eindruck. Sag ihnen vorher, dass sie sich besonders den ersten Eindruck und die Gedankengänge der ersten 3-5 Sekunden merken oder am besten kurz mit Stichpunkten notieren sollen. Frag sie danach, was Du also so alles für Produkte und Dienste anbietest. Und frag sie, wie lange es ungefähr dauerte, bis sie das so verstanden, wie sie es jetzt verstehen. Dann setz Dich mit diesem Ergebnis hin und hinterfrage, ob und was Du also verbessern kannst oder sogar musst. Und erst wenn Deine Website wirklich sofort auf den Punkt bringt, was Du tust und wenn die Leute ohne großes Suchen verstehen, was sie auf Deiner Website tun können oder sollen – erst dann mach Dir Gedanken über wirkliche Besucher, die von Suchmaschinen kommen können. Vorher nicht. Denn vorher ist das verschwendete Mühe und Du wirst früher oder später sowieso nur den armen SEO dafür verantwortlich machen, dass Dein Geschäft nicht so brummt, wie Du Dir es eigentlich von guten Platzierungen erhofft hast. Dabei kann der in so einem Fall wirklich am allerwenigsten dafür…

Was habt Ihr denn so für schöne Beispiele, wie jemand, der offenbar Null Ahnung von Marketing hat, eine Website aufbaut und damit (vergegblich) versucht, sein an sich eigentlich wirklich tolles Produkt zu vermarkten?


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