Unterschichten-SEO

Eine Landing Page soll ja immer gut auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten sein. Beim Betrachten mancher Websites überkommt mich daher die Idee einer gänzlich neuen Strategie…

Unterschichten-SEO. Welch doofes Wort, aber es klingt besser als “prekariatisches Optimieren”. Oder “Built for Bildungsfernheit”. Oder “Best viewed with Hartz IV”.

Aber was rede ich da eigentlich? Worum geht es?

Es geht um die vielen, vielen Websites da draussen, deren Betreiber offenbar nicht wissen, was Orthographie heißt. Oder was man unter “Ästhetischem Design” versteht. Geschweige denn, was Textlayout ist.

Diese Seiten sehen manchmal aus wie ein Wühltisch im Winterschlussverkauf, kurz vor der Ladenschließung. Kraut und Rüben. Schlechte Bilder. Rechtschreibfehler. Dativ-Genitiv-Vergewaltigungen. Optisch total überladen. Ungünstige Farbwahl. Text, der wie mit einem Radlader dahingeschaufelt aussieht und nur mühsam zu lesen ist. Chaos einfach.

Und das Beste: solche Seitenbetreiber fragen sich (bzw. mich) dann oft ernsthaft, warum Google sie nicht mag. Oder warum sie zwar aus irgendeinem Grund nicht gerade wenige Besucher haben, die Conversion Rate aber so niedrig ist, dass selbst Excel nicht mehr beizubringen ist, das noch mit den führenden Nullen anzuzeigen.

Nun – natürlich ist mein Rat in solchen Fällen ganz klar, dass man sich vielleicht mal Gedanken über eine Überarbeitung der Gestaltung und des Inhalts und der Usability machen sollte. Man ist ja seriöser Berater. Doch das stößt oft nicht gerade auf offene Ohren, schließlich greife ich damit ja frontal sein Heiligstes an, das er selbst mit viel Mühe und Fleiß aufgebaut hat und deswegen auch zurecht irgendwie stolz darauf ist. Und dann komme ich daher und sage durch die Blume, dass das so keinen Menschen interessieren, geschweige denn ansprechen wird.

Zugegeben – ich bin selbst nicht der beste Designer. Ich kann nicht zeichnen und habe nur ein Auge für gute Fotos. Aber mit einer leeren Leinwand oder einer leeren Website beginnen und diese dann von Grund auf mit was optisch Sinnvollem füllen – nein, da gibt es echt bessere als mich dafür. Doch ich glaube zumindest halbwegs zu spüren, was “passt” und was eben nicht, wenn man es mir vorlegt.

Jedenfalls: meine Idee des Unterschichten-SEO also. Machen wir doch aus der Not eine Tugend! Denn mal wirklich fies betrachtet: wer identifiziert sich denn mit solchen Texten, die nicht gerade in korrektem Deutsch verfasst wurden? Genau: diejenigen, die selbst Probleme damit haben. Und wen spricht ein chaotisches Layout an? Genau: Messies und solche, die kurz davor sind, welche zu werden. Also mit allen Vorurteilen, die es gibt: die berühmten “bildungsfernen Schichten”. Die ja laut sämtlichen PISA-Studien und sonstigen Umfragen sowieso leider prozentual deutlich zulegen. Doch bevor wir jetzt in gesellschaftspolitische Erörterungen abgleiten oder meine angewendeten Vorurteile diskutieren – lasst uns doch wie gesagt einfach mal diese Menschen als eigene Zielgruppe betrachten und ansprechen.

Natürlich macht es jetzt wenig Sinn, denen wirkliche Luxusgüter anzubieten. Aber an Essen und Trinken haben doch alle Interesse. Genauso wie an Elektronikartikeln, Handys, DVDs, Games, Klatsch-Themen, dem Fernsehprogramm – und bestimmt alles rund ums Auto, Fußball und Formel Eins.

Vergesst doch also einfach mal sämtliche Regeln des “ich bin ein Unternehmen, ich muss korrekt und seriös auftreten und wie ein Stern am Himmel strahlen”. Das macht Eindruck auf Krawattenträger, aber den Herrn und die Dame im Jogging-Anzug spricht doch eher jemand an, der ihnen auch in legerer Freizeitklamotte gegenübertritt und keine Worte benutzt, für die man erst mal ein Lexikon braucht.

Versucht doch also mal das genaue Gegenteil vom Gewohnten. Pfeift auf Rechtschreibung. Vergesst die Richtlinien für gute Marketing-Texte. Top-Bilder mit Top-Models, gemacht von Top-Fotografen aus Top-Studios? Ach was – einfach mit der Handycam draufgehalten tuts doch genauso. Je mehr Deine Website so rüberkommt als wäre sie vom Nachbarn im Ghetto gemacht, desto mehr Identifikation damit. Gerade jenseits der Krawatten kommt doch viel schneller ein “das ist einer von uns”-Gefühl auf und führt zu viel engeren Bindungen und damit doch auch Verkäufen.

Aber passt dabei auf! Seid echt! Denn gekünstelt kommt sowas gar nicht gut und führt wiederum nur zu totaler Ablehnung.

Also: was haltet Ihr von dieser Idee? Wollen wir sowas vielleicht einfach mal probieren? Wer macht mit?


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3 Kommentare zu “Unterschichten-SEO”
Jose Carlos 17. November 2008 um 22:28

Ich hab kürzlich auch mal wieder für uns ein paar Landingseiten gebastelt. Und bei einer Seite baute ich diese mit absichtlichen Rechtschreibfehlern. Das ist schon komisch.

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Norman 19. August 2009 um 14:08

Im Grunde eine gute Idee, welche die uralte (aber gute!) Maxime “Richtige Ansprache der Zielgruppe” wieder aufgreift.
@Carlos: Super Idee mit den Backlinks :-| *gähn*

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seodiot Reply:

Jepp. Allerdings scheint sich keiner so wirklich an das Thema ranzutrauen. Zumindest hab ich noch nichts derartiges gefunden. Aber was noch nicht ist…

Und ja, Carlos’ Links haben mich auch sehr erfreut. Weil ich da nämlich zum ersten mal das Nofollow-Case-by-Case-Plugin so richtig benutzen konnte… ;)

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