Google spielt mit hunderttausenden Menschenleben!

Na, das war ja mal ein makabrer Halloween-Scherz von Google…

Am Freitag Mittag, pünktlich zu Halloween, ist wohl irgendein Praktikant von denen über ein Kabel gestolpert, so dass daraufhin laut Matt Cutts’ Aussage “ein paar Daten in den Index gelangten, denen es an den üblichen Qualitätsmerkmalen fehlte”…

Sehr interessant, diese Einsicht. So sähen die Suchergebnisse also aus, wenn Google da nicht ein paar willkürliche hochgezüchtete Algorithmen zur Spamerkennung über die Daten laufen ließe, bevor sie an den Suchenden geschickt werden. Also man kann über diese Algorithmen sagen was man will, aber mir persönlich gefallen da die gefilterten Ergebnisse schon tausendmal besser. Nicht nur, weil es mein Job ist, aber auch weil ich selbst sehr viel recherchiere und ungern solchen Müll anklicke, wie da teilweise am Freitag auf Top-Platzierungen zu finden war.

Doch über diesen ganzen Vorfall wurde ja anderswo schon zu Hauf geschrieben und spekuliert.

Was mich eher an dieser Aktion fasziniert ist die Welle an Panik und Entrüstung, die durch die Welt gerast ist. Liest man die einschlägigen Foren und Blog-Kommentare, so sahen sich manche bereits an der Schwelle ihrer Existenz. Da wurden die apokalyptischsten Untergangs-Szenarien heraufbeschworen, Flüche ausgesprochen, Hilfeschreie ausgestoßen – und ich habe eigentlich nur noch darauf gewartet, dass jemand ein paar echte Haare von Matt Cutts bei ebay zur Versteigerung feilbietet, damit sich jeder Betroffene eine schöne Voodoo-Puppe bauen kann.

Wenn man das mal so auf sich einwirken lässt – welche Macht hat Google hier eigentlich angehäuft? Wenn die an einer Schraube drehen, stürzen unter Umständen tausende von Unternehmen in den Ruin. Google hat so gesehen also mehr wirtschaftliche Macht als jede Bank, jeder Finanzminister und jeder Konzern dieser Welt zusammengenommen. Weiter gesponnen: wenn die einen Schalter umlegen, sind tausende von Unternehmern pleite und Millionen von Menschen weltweit arbeitslos oder zumindest stark wirtschaftlich davon betroffen. Wenn von diesen also nur ein kleiner Teil als einzigen Ausweg aus diesem Kollaps den Freitod sieht…? Google hat also das Potential, deutlich mehr Menschenleben auszulöschen als das die ganzen Kriege und Umweltkatastrophen der letzten Jahre zusammengenommen getan haben.

Google ist schon lange keine Suchmaschine mehr – Google ist ein Marktplatz. Um nicht sogar zu sagen: DER Marktplatz.

Ohne im Detail auf die vielen Statistiken zur Nutzung von Suchmaschinen beim Online-Einkauf und der absoluten Dominanz von Google einzugehen, kann wohl mit Sicherheit gesagt werden, dass über Google mehr Umsatz generiert wird als über jeden anderen Marktplatz in dieser Welt. Weshalb ja auch jeder vorne mit dabei sein will und warum es überhaupt unsere Jobs als SEO gibt. Denn wir sind die Zauberer der Stunde – wir können Dir sagen, wie Du bei Google auf Platz 1 kommst und Millionen von Besuchern pro Monat über Deine Website herfallen und ihr Geld bei Dir ausgeben!

Das Problem ist nur, dass eben die konkurrierenden Websites genauso daran arbeiten.

Und ohne jetzt auf diese reine Platz-Problematik an sich weiter einzugehen, denn das führt sowieso nur zu Platzierungs-Rallyes und “ätsch, ich bin besser als dieser oder jener SEO!”-Getue und dergleichen: wie sinnvoll ist es eigentlich, sein Geschäft auf diese wacklige Grundlage zu stellen?

Es ist ja durchaus ok und wünschenswert, wenn über organische Platzierungen in Suchmaschinen so viel Umsatz generiert wird, dass der Ferrari bezahlt ist die Gehälter des Personals gesichert sind. Es ist aber doch umgekehrt eigentlich sogar grob fahrlässig, wenn man sein gesamtes Geschäft und sogar seine eigene, persönliche Existenz nur ausschließlich auf diese Tatsache aufbaut.

Niemand, wirklich niemand in dieser ganzen Welt kann garantieren, dass eine Website für einen bestimmten Suchbegriff bei Google auf eine Top-Platzierung kommt, geschweige denn, dass diese auch für immer und ewig bestehen wird. Auch die weltbesten und -erfolgreichsten SEOs haben schon derartige Situationen erlebt und erleben sie immer wieder. Denn sie selbst machen ja nicht die Suchergebnisse, sondern die Suchmaschine macht das. Außerdem ist das Web eine lebende Sache – täglich kommen zigtausende, wenn nicht sogar Millionen neuer Seiten hinzu, werden gelöscht, geändert oder für bessere Platzierungen optimiert. Die einen dilettantisch und erfolglos – die anderen aber professionell und erfolgreich. Wie soll da irgendjemand garantieren können, dass es nicht irgendwo einen Konkurrenten gibt, der viel Energie reinsteckt und tatsächlich auf einmal besser dasteht? Oder vielleicht auch nur, weil sich die Suchmaschine plötzlich denkt, diesen oder jenen Aspekt der über 200 Ranking-Kriterien nun doch anders zu bewerten als früher – und schon kann es sein, dass die Top10 durcheinandergewürfelt werden und die betroffenen SEOs also erst mal nacharbeiten müssen, um diesen neuen Fakten gerecht zu werden.

Jeder, der also sein Geschäft auf dieser alleinigen Grundlage einer guten Suchmaschinenplatzierung aufbaut, kann genauso gut sein gesamtes Erspartes in einen Laden stecken, der in einer neuen Mall direkt auf der San-Andreas-Verwerfung liegt. So lange es dort nicht scheppert, passt ja alles – aber wenn dort mal wieder die Erde bebt, ist unter Umständen die Lebensgrundlage weg. Würde im realen Leben tatsächlich jemand so etwas höchstriskantes machen? Wohl kaum. Warum tun es aber so viele, wenn es um das Internet-Geschäft geht???

Deswegen sagt der SEOdiot einfach mal, was viele meiner Kollegen weltweit nur denken dürfen: Leute, ihr könnt doch nicht ein Riesenhaus auf einem einzigen, dünnen Holzpfahl bauen. Klar ist mit Top-Platzierungen eine Menge Raibach zu machen und selbst wer darüber hinaus noch über einen richtigen Laden oder sogar Filialen und vielleicht auch einen florierenden Katalogversand oder ein Händlernetzwerk oder zumindest gut platzierte Werbebanner, redaktionelle Empfehlungen, Präsenz in Preisvergleichs-Portalen und sonstige nicht komplett suchmaschinenbasierte Wege zum Generieren von Besuchern und/oder Umsatz hat, wird sehr schlucken müssen, wenn die Platzierungen plötzlich wegbrechen. Aber wenigstens stehen diese dann nicht gleich vor dem Aus. Sicher müssen die dann auch erst mal kurzfristig umdenken und sich Alternativen überlegen, bis die Platzierungen wieder erreicht sind. Und vielleicht müssen sie sogar vorübergehend einen Teil der Mitarbeiter in Urlaub schicken oder sich im ungünstigsten Fall sogar gesund schrumpfen. Aber diese Geschäftsleiter werden jedenfalls nicht gleich vom kompletten Untergang und Ruin und Hartz IV und möglichem Selbstmord und dergleichen sprechen, wenn diese Platzierung nicht bis morgen Abend wieder erreicht ist.

Also: macht Euch doch mal Gedanken, wie stark Ihr selbst von Euren Platzierungen abhängt. Und dann überlegt Euch Alternativen. Das Internet-Business besteht schließlich nicht nur aus den Google Suchergebnissen. Es gibt genügend Websites, die verdammt gut laufen, auch ohne dass sie prominent bei Google in den organischen Suchergebnissen platziert sind. Weshalb es also auch ohne diese gehen muss. Zwar vielleicht nicht so gut, dass der Ferrari bezahlt ist man 100 Leute beschäftigen kann, aber es geht mit Sicherheit so gut, dass das eigene Auskommen gut gesichert ist.

Und genauso sollte jede Website, die einen beträchtlichen Teil ihres Umsatzes rein über den Traffic von Suchmaschinen generiert, unbedingt einen Notfallplan haben. Was mache ich, wenn…? Wie gesagt gibt es immer Möglichkeiten, einen derartigen Wegfall wirtschaftlich so weit zu kompensieren, dass das Unternehmen deswegen nicht gleich komplett insolvent ist. Man muss sich nur vorher darüber Gedanken machen, denn im Moment der Krise ist leichte Panik dem menschlichen Gehirn inhärent – aber die erschwert das Denken enorm.

Und deswegen nehme ich diesen Halloween-”Scherz” von Google einfach mal zum Anlass, um jeden, der das hier liest, etwas wachzurütteln: mach Dich unabhängiger von Deinen Google-Platzierungen! Diese können eine wunderbare Schicht Butter aufs Brot sein – aber Deine Miete und die Scheibe Brot an sich sollten eigentlich über andere Wege generiert werden! Denn Deine Platzierungen bei Google können wirklich JEDEN MOMENT weg sein – wohingegen allein schon zum Beispiel so etwas wie ein alter Kundenstamm mit treuen Wieder-Einkäufern normalerweise nicht so schnell stirbt.

Alsdenn – denkt mal darüber nach. Der letzte Freitag bzw. die daraus explosionsartig entstandene Massenpanik unter den abhängigen Webmastern war das schönste Beispiel für die Notwendigkeit dafür, sich GENAU JETZT diese Gedanken mal zu machen und sich für die Zukunft des eigenen Internet-Geschäfts was zu überlegen.

2 Kommentare zu “Google spielt mit hunderttausenden Menschenleben!”

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